© Brian Velenchenko


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DIE BÜCHER

Leseprobe aus Tess Gerritsen: Blutmale

1

Sie sahen aus wie die perfekte Familie.

Der Gedanke drängte sich dem Jungen auf, als er am offenen Grab seines Vaters stand, als er dem Priester zuhörte, wie er Plattitüden aus der Bibel vorlas. Nur eine kleine Gruppe hat sich an diesem warmen, drückenden Junitag versammelt, um Montague Saul die letzte Ehre zu erweisen - nicht mehr als ein Dutzend Menschen. Viele von ihnen hatte der Junge gerade erst kennengelernt. Die letzten sechs Monate hatte er im Internat verbracht, und manche dieser Leute sah er heute zum ersten Mal. Die meisten interessierten ihn nicht im Geringsten,

Nur die Familie seines Onkels - die interessierte ihn sehr wohl. Sie war es wert, dass er sich näher mit ihr beschäftigte.

Dr. Peter Saul hatte große Ähnlichkeit mit seinem verstorbenen Bruder Montague. Er war schlank, ein intellektueller Typ mit einer Brille, die ihm ein eulenhaftes Aussehen verlieh, und schütterem braunem Haar, das irgendwann unweigerlich einer Glatze weichen würde. Seine Frau Amy hatte ein rundes, freundliches Gesicht, und sie warf ihrem fünfzehnjährigen Neffen unentwegt besorgte Blicke zu, als müsse sie sich beherrschen, um ihn nicht auf der Stelle an ihre Brust zu drücken. Teddy, der Sohn der beiden, war zehn Jahre alt, ein Knabe mit streichholzdünnen Armen und Beinen. Ein kleiner Klon von Peter Saul, bis hin zu der runden Gelehrtenbrille.

Und dann war da noch ihre Tochter Lily, Sechzehn Jahre alt.

Ein paar Strähnen hatten sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst und klebten in der schwülen Hitze an ihren Wangen. Sie schien sich unbehaglich zu fühlen in ihrem schwarzen Kleid, und wie ein nervöses Fohlen trat sie immer wieder von einem Fuß auf den anderen, als wollte sie jeden Augenblick davonrennen. Als wäre sie in diesem Moment überall lieber als auf diesem Friedhof, umschwirrt von lästigen Fliegen.

Sie sehen so normal aus, so gewöhnlich, dachte der Junge. So anders als ich. Da fing Lily plötzlich seinen Blick auf, und ein Schauer der Verwunderung überlief ihn. Des gegenseitigen Erkennens. In diesem Augenblick konnte er geradezu spüren, wie ihr Blick die dunkelsten Windungen seines Gehirns durchdrang und all die geheimen Orte erforschte, die niemand sonst je zu sehen bekam. Die er nie einem Menschen offenbart hatte.

Beunruhigt wandte er den Blick ab, richtete ihn auf die anderen Menschen, die um das Grab herumstanden. Die Haushälterin seines Vaters. Den Anwalt. Die beiden Nachbarn. Flüchtige Bekannte, die nur gekommen waren, weil es sich so gehörte, nicht aus wirklicher Zuneigung. Sie hatten Montague Saul nur als den stillen Wissenschaftler gekannt, der vor Kurzem aus Zypern zurückgekehrt war, der sich tagaus, tagein nur mit seinen alten Büchern und Karten und irgendwelchen Tonscherben befasst hatte. In Wirklichkeit hatten sie den Mann gar nicht gekannt. So wenig wie seinen Sohn.

Endlich war die Zeremonie beendet, und die Trauergäste nahmen den Jungen in die Mitte, eine Amöbe aus Mitgefühl, bereit, ihn zu verschlingen. Sie versicherten ihm, wie furchtbar leid es ihnen tue, dass er seinen Vater verloren habe. Und das so bald nach ihrer Rückkehr in die Staaten.

"Immerhin hast du noch deine Familie hier, die dir hilft", sagte der Geistliche.

Familie? Ja, diese Leute sind wohl meine Familie, dachte der Junge, als der kleine Teddy schüchtern auf ihn zutrat, gedrängt von seiner Mutter.

"Du bist jetzt mein Bruder", sagte Teddy.

"Tatsächlich?"

"Mom hat dein Zimmer schon fertig vorbereitet. Es ist gleich neben meinem."

"Aber ich bleibe hier. Im Haus meines Vaters."

Verwirrt sah Teddy seine Mutter an, "Kommt er denn nicht mit zu uns?"

"Du kannst doch nicht ganz allein wohnen, Schatz", beeilte sich Amy Saul zu sagen. "Vielleicht gefällt es dir ja in Purity so gut, dass du ganz bei uns bleiben willst."

"Meine Schule ist in Connecticut."

"Ja, aber das Schuljahr ist jetzt um. Im September kannst du natürlich wieder auf dein Internat gehen, wenn du das möchtest. Aber den Sommer über wirst du bei uns wohnen."

"Ich werde hier nicht allein sein. Meine Mutter holt mich zu sich."

Es war lange Zeit still. Amy und Peter wechselten Blicke, und der Junge konnte erraten, was sie dachten. Seine Mutter hat ihn doch schon vor langer Zeit im Stich gelassen.

"Sie wird mich zu sich holen", beharrte er.

"Darüber reden wir später, mein Sohn", sagte Onkel Peter mit sanfter Stimme.

 

In der Nacht lag der Junge wach in seinem Bett im Reihenhaus seines Vaters und lauschte dem Gemurmel der Stimmen seiner Tante und seines Onkels, die aus dem Arbeitszimmer im Erdgeschoss herauf drangen. Es war dasselbe Zimmer, in dem Montague Saul sich in den vergangenen Monaten mit der Übersetzung seiner brüchigen alten Papyrusfetzen abgemüht hatte. Dasselbe Zimmer, in dem er vor fünf Tagen einen Schlaganfall erlitten hatte und an seinem Schreibtisch zusammengebrochen war. Diese Leute hatten dort nichts verloren, inmitten der kostbaren Schätze seines Vaters. Sie waren Eindringlinge in seinem Haus.

"Er ist doch noch ein Junge, Peter. Er braucht eine Familie."

"Wir können ihn ja wohl kaum mit Gewalt nach Purity mitschleifen, wenn er es nicht will."

"Mit fünfzehn Jahren hat man in diesen Dingen keine Wahl. Die Erwachsenen müssen für einen entscheiden."

Der Junge stand auf und schlüpfte zur Tür hinaus. Lautlos stieg er bis zur Mitte der Treppe hinunter, um ihre Unterhaltung zu belauschen.

"Und sei mal ehrlich, wie viele Erwachsene hat er denn in seinem Leben kennengelernt? Dein Bruder zählt ja wohl kaum. Er war doch immer viel zu sehr in seine Mumien vertieft, um überhaupt wahrzunehmen, dass da noch ein Kind im Haus war."

"Das ist nicht fair, Amy. Mein Bruder war ein guter Mensch."

"Ein guter Mensch, aber weltfremd. Was muss das für eine Frau gewesen sein, die auch nur auf die Idee kommen konnte, ein Kind mit ihm zu haben? Und dann macht sie sich aus dem Staub und lässt Monty den Jungen allein großziehen? Ich begreife nicht, wie eine Frau so etwas tun kann."

"Monty hat seine Sache ja wohl nicht so schlecht gemacht. Der Junge kriegt in der Schule glänzende Noten."

"Das ist dein Kriterium für einen guten Vater? Die Tatsache, dass der Junge glänzende Noten bekommt?"

"Und außerdem ist er ein sehr beherrschter junger Mann. Du hast doch gesehen, wie gefasst er bei der Beerdigung war."

"Er ist starr vor Schock, Peter. Hast du heute auch nur eine einzige Gefühlsregung in seinem Gesicht erkennen können?"

"Monty war ganz genauso."

"Kaltblütig, meinst du?"

"Nein, ein Intellektueller. Ein Kopfmensch."

"Aber tief drinnen muss der Junge doch den Schmerz fühlen, das weißt du genau. Ich könnte heulen, wenn ich daran denke, wie sehr ihm seine Mutter in diesem Moment fehlt. Wie er immer wieder steif und fest behauptet, dass sie ihn zu sich nehmen wird, wo wir doch genau wissen, dass sie es nicht tun wird."

"Das wissen wir doch gar nicht."

"Wir haben die Frau ja nie kennengelernt! Da schreibt Monty uns eines Tages aus Kairo, dass er jetzt einen kleinen Sohn hat. Nach allem, was wir wissen, könnte er ihn auch aus dem Schilf gefischt haben - wie den kleinen Moses."

Der Junge hörte die Dielen über sich knarren und blickte sich zum oberen Treppenabsatz um. Zu seinem Erstaunen sah er seine Cousine Lily über das Geländer auf ihn herabstarren. Sie beobachtete ihn, studierte ihn wie eine exotische Kreatur, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, als wollte sie herausfinden, ob er gefährlich war.

"Oh", rief Tante Amy. "Du bist ja auf!"

Seine Tante und sein Onkel waren gerade aus dem Arbeitszimmer gekommen und blickten vom Fuß der Treppe zu ihm auf. Und sie schienen auch ein wenig bestürzt angesichts der Tatsache, dass er wahrscheinlich ihr ganzes Gespräch mitgehört hatte.

"Geht es dir gut, Schatz?", fragte Amy.

"Ja, Tante."

"Es ist schon so spät. Solltest du nicht lieber wieder ins Bett gehen?"

Aber er machte keine Anstalten, nach oben zu gehen. Er blieb auf der Treppe stehen und dachte darüber nach, wie es wäre, bei diesen Leuten zu wohnen. Was er von ihnen lernen könnte. Es würde den Sommer interessant machen, bis seine Mutter ihn holen käme.

Er sagte: "Tante Amy, ich habe meinen Entschluss gefasst."

"Welchen Entschluss?"

"Wo ich den Sommer verbringen will."

Sie nahm sofort das Schlimmste an. "Bitte überstürze nichts! Wir haben ein wirklich schönes Haus, direkt am See, und du hättest dein eigenes Zimmer. Komm uns doch wenigstens einmal besuchen, ehe du dich endgültig entscheidest."

"Aber ich habe mich schon entschieden, mit euch zu kommen."

Seiner Tante verschlug es für einen Augenblick die Sprache. Dann ließ ein Lächeln ihr Gesicht erstrahlen, und sie eilte die Treppe hinauf, um ihn in die Arme zu schließen. Sie roch nach Dove-Seife und Breck-Shampoo. So gewöhnlich, so durchschnittlich. Dann bekam er von seinem grinsenden Onkel Peter einen Klaps auf die Schulter - seine Art, seinen neuen Sohn willkommen zu heißen. Ihr Glück war wie ein Netz aus Zuckerwatte, das ihn in ihre Welt hineinzog, wo alles eitel Sonnenschein, Liebe und Lachen war.

"Die Kinder werden so froh sein, dass du mit uns kommst!", sagte Amy.

Er warf einen Blick zum oberen Treppenabsatz, aber Lily war verschwunden. Sie hatte sich unbemerkt davongeschlichen. Ich muss ein Auge auf sie haben, dachte er. Denn sie hat schon jetzt ein Auge auf mich.

"Du gehörst jetzt zu unserer Familie", sagte Amy.

Während sie zusammen die Treppe hinaufstiegen, erzählte sie ihm bereits von ihren Plänen für den Sommer. All die Orte, die sie ihm zeigen würde, all die besonderen Gerichte, die sie für ihn kochen würde, wenn sie wieder zu Hause wären. Sie schien glücklich, ja geradezu freudentrunken, wie eine Mutter mit ihrem neugeborenen Baby.

Amy Saul ahnte nicht, was sie sich da ins Haus zu holen planten.

 

2

Zwölf Jahre später.

Vielleicht war es ja ein Fehler.

Dr. Maura Isles blieb vor dem Eingang der Kirche Unserer lieben Frau vom Himmlischen Licht stehen, unschlüssig, ob sie eintreten sollte oder nicht. Die Gottesdienstbesucher waren schon hineingegangen, und sie stand allein in der nächtlichen Dunkelheit, wo Schneeflocken lautlos auf ihren unbedeckten Kopf herabrieselten. Durch die geschlossenen Kirchentüren hörte sie die Organistin "Nun freut euch, ihr Christen" anstimmen, und sie wusste, dass inzwischen alle ihre Plätze eingenommen haben mussten. Wenn sie vorhatte, sich ihnen anzuschließen, sollte sie allmählich hineingehen.

Sie zögerte, weil sie nicht wirklich zu den Gläubigen gehörte, die sich dort drinnen zur Messe versammelt hatten. Doch die Musik lockte sie, wie auch die Aussicht auf die Wärme und auf den Trost vertrauter Rituale. Hier draußen auf der dunklen Straße stand sie allein. Allein an Heiligabend.

Sie stieg die Stufen hinauf und betrat das Gebäude.

Trotz der späten Stunde waren die Bänke voll besetzt mit Familien, die Kinder schlaftrunken, aus den Betten geholt, um an der Mitternachtsmesse teilzunehmen. Mit ihrem verspäteten Eintreffen zog Maura mehrere Blicke auf sich, und als die Klänge von "Nun freut euch, ihr Christen" verhallten, schlüpfte sie rasch auf den ersten freien Platz, den sie finden konnte, in einer der hinteren Reihen. Gleich darauf musste sie sich mit der ganzen Gemeinde wieder erheben, als der Einzugsgesang einsetzte. Pater Daniel Brophy trat an den Alter und bekreuzigte sich.

"Die Gnade und der Friede unseres Vaters im Himmel und unseres Herrn Jesus Christus sei allezeit mit euch", sagte er.

"Und mit deinem Geiste", murmelte Maura im Chor mit der Gemeinde. Selbst nach all den Jahren, die sie der Kirche ferngeblieben war, kamen ihr die Antworten immer noch ganz natürlich über die Lippen, durch all die Sonntage ihrer Kindheit tief in ihr Gedächtnis eingeprägt. "Herr, erbarme dich. Christus, erbarme dich. Herr, erbarme dich."

Daniel hatte ihr Kommen nicht bemerkt, doch Maura war nur auf ihn fixiert. Auf sein dunkles Haar, seine anmutigen Gesten, seine wohlklingende Baritonstimme. Heute Nacht konnte sie ihn ohne Scham ansehen, ohne Verlegenheit. Heute Nacht konnte sie ihn gefahrlos anstarren.

"Gib uns die ewige Seligkeit im Himmelreich, wo er mit dir und dem Heiligen Geist lebt und herrscht in Ewigkeit, Amen."

Maura ließ sich auf die Bank niedersinken, hörte ringsum gedämpftes Husten, das Wimmern müder Kinder, Auf dem Altar flackerten Kerzen, ein Symbol für Licht und Hoffnung in dieser Winternacht.

Daniel begann zu lesen: "Und der Engel sprach zu ihnen: ,Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkünde euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird …'"

Das Lukasevangelium, dachte Maura, die den Text sogleich erkannte. Lukas, der Arzt.

"'Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln...'" Er hielt inne, als sein Blick plötzlich Maura streifte. Und sie dachte: Bist du so überrascht, mich heute Nacht hier zu sehen, Daniel?

Er räusperte sich, blickte auf seinen Text hinunter und las weiter: "'Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.'"

Obwohl er nun wusste, dass sie inmitten seiner Schäflein saß, mied er jeden weiteren Blickkontakt mit ihr. Weder während des "Cantate Domino" und des "Dies Sanctificatus" noch während der Kollekte oder der Eucharistiefeier. Während die anderen Gottesdienstbesucher um sie herum sich erhoben und sich im Mittelgang anstellten, um die Kommunion zu empfangen, blieb Maura auf ihrem Platz sitzen. Wenn man nicht an Gott glaubte, war es Heuchelei, die Hostie zu sich zu nehmen und vom Messwein zu trinken.

Was tue ich dann eigentlich hier?

Dennoch blieb sie bis zum Ende auf ihrem Platz sitzen, wartete den Schlusssegen und die Entlassung ab.

"Gehet hin in Frieden!"

"Dank sei Gott dem Herrn!", antwortete die Gemeinde.

Die Messe war beendet, und die Menschen begannen zum Ausgang zu schlurfen, während sie ihre Mäntel zuknöpften und die Handschuhe anzogen. Auch Maura erhob sich und trat gerade in den Mittelgang, als sie aus dem Augenwinkel sah, wie Daniel sie auf sich aufmerksam zu machen versuchte, wie er sie mit stummen Gesten anflehte, nicht zu gehen. Sie setzte sich wieder, spürte die neugierigen Blicke der Leute, die an ihrer Bank vorbeikamen. Sie wusste, was sie sahen, oder was sie zu sehen glaubten: eine einsame Frau, begierig nach den tröstenden Worten eines Geistlichen am Heiligen Abend.

Oder sahen sie etwa mehr?

Sie erwiderte die Blicke nicht. Während die Kirche sich leerte, blickte sie starr geradeaus, fixierte mit unbewegter Miene den Altar. Und dachte dabei: Es ist spät, und ich sollte nach Hause gehen. Ich weiß nicht, was es bringen soll, noch länger hier zu bleiben.

"Hallo, Maura."

Sie blickte auf und sah Daniel in die Augen. Die Kirche war noch immer nicht ganz leer. Die Organistin packte ihre Noten zusammen, und einige der Chorsänger zogen sich noch die Mäntel an, doch in diesem Moment war Daniels Aufmerksamkeit so auf Maura konzentriert, dass sie ebenso gut der einzige Mensch weit und breit hätte sein können.

"Es ist lange her, dass Sie zuletzt hier waren", sagte er.

"Das stimmt wohl."

"Das letzte Mal war im August, nicht wahr?"

Du hast es dir also auch gemerkt.

Er setzte sich zu ihr auf die Bank. "Ich bin überrascht, Sie hier zu sehen."

"Es ist schließlich Heiligabend."

"Aber Sie sind doch nicht gläubig."

"Trotzdem habe ich meine Freude an den Riten. An den Liedern."

"Das ist der einzige Grund, weshalb Sie gekommen sind? Um ein paar Weihnachtslieder zu singen? Um ein paar Mal Amen und Dank sei Gott dem Herrn zu sagen?"

"Ich wollte ein wenig Musik hören. Und unter Menschen sein."

"Erzählen Sie mir nicht, dass Sie heute Abend ganz allein sind."

Sie zuckte mit den Schultern und lachte. "Sie kennen mich doch, Daniel. Ich bin nicht gerade der gesellige Typ."

"Ich dachte nur... Ich meine, ich hatte angenommen …"

"Was?"

"Dass Sie mit jemandem zusammen sein würden. Gerade heute Nacht."

Das bin ich auch. Ich bin mit dir zusammen.

Sie verstummten beide, als die Organistin mit ihrer prall gefüllten Notentasche den Mittelgang herunterkam. "Gute Nacht, Pater Brophy."

"Gute Nacht, Mrs. Easton. Und vielen Dank, Sie haben wieder mal wunderbar gespielt!"

"Es war mir ein Vergnügen." Die Organistin warf Maura noch einen letzten prüfenden Blick zu und ging dann weiter in Richtung Ausgang. Sie hörten, wie die Tür zufiel, und dann waren sie endlich allein.

"Also, warum hat es so lange gedauert?", fragte er.

"Nun ja, Sie wissen ja, wie das ist in unserer Branche - gestorben wird immer. Einer unserer Rechtsmediziner musste vor ein paar Wochen wegen einer Rückenoperation ins Krankenhaus, und wir mussten für ihn einspringen. Ich hatte alle Hände voll zu tun, das ist alles."

"Sie hätten trotzdem mal zum Hörer greifen und einfach anrufen können."

"Ja, ich weiß." Das galt auch für ihn, aber getan hatte er es nie. Daniel Brophy würde nie auch nur einen Schritt vom rechten Pfad abweichen, und das war vielleicht auch ganz gut so - es genügte, dass sie selbst ständig gegen die Versuchung ankämpfen musste.

"Und was hat sich bei Ihnen so getan?", fragte sie.

"Sie wissen, dass Pater Roy letzten Monat einen Schlaganfall hatte? Ich habe seine Aufgaben als Polizeigeistlicher übernommen."

"Detective Rizzoli hat es mir erzählt."

"Ich war vor einigen Wochen an diesem Tatort in Dorchester. Sie wissen schon - der Polizeibeamte, der erschossen wurde. Ich habe Sie dort gesehen."

"Ich habe Sie aber nicht gesehen. Sie hätten doch hallo sagen können."

 

"Na ja, Sie waren so beschäftigt. Voll konzentriert, wie üblich." Er lächelte. "Sie können ganz schön grimmig dreinschauen, Maura. Wussten Sie das?"

Sie lachte. "Vielleicht ist das mein Problem."

"Ihr Problem?"

"Dass ich die Männer abschrecke."

"Mich haben Sie nicht abgeschreckt."

Wie könnte ich auch? -, dachte sie. Dein Herz kann niemand brechen, weil du es nicht herschenken darfst. Sie sah demonstrativ auf ihre Uhr und stand auf. "Es ist sehr spät, und ich habe schon viel zu viel von Ihrer Zeit in Anspruch genommen."

"Es ist ja nicht so, als hätte ich irgendetwas Dringendes zu erledigen", sagte er, als er sie zum Ausgang begleitete.

"Sie sind Seelsorger für eine ganze Gemeinde. Und es ist schließlich Heiligabend."

"Wie Sie sicherlich bemerkt haben, habe auch ich heute Nacht nichts Besseres vor."

Sie blieb stehen und drehte sich zu ihm um. Da standen sie nun allein in der Kirche, atmeten den Duft von Kerzenwachs und Weihrauch ein, vertraute Gerüche, die ihr die Weihnachtsfeste, die Mitternachtsmessen ihrer Kindheit in Erinnerung riefen. Die Tage, als der Besuch einer Kirche noch nicht dieses Gefühlschaos auslösen konnte, das sie jetzt empfand. "Gute Nacht, Daniel", sagte sie und wandte sich zur Tür.

"Wird es erneut vier Monate dauern, bis wir uns wiedersehen?", rief er ihr nach.

"Ich weiß es nicht."

"Unsere Gespräche haben mir gefehlt, Maura."

Wieder zögerte sie, die Hand schon erhoben, um die Tür aufzudrücken. "Mir haben sie auch gefehlt. Vielleicht sollten wir gerade deswegen in Zukunft darauf verzichten."

"Es gibt nichts, wofür wir uns schämen müssten."

"Noch nicht", sagte sie leise, den Blick nicht auf ihn gerichtet, sondern auf die schwere, geschnitzte Tür, die zwischen ihr und dem Entrinnen stand.

"Maura, lassen Sie uns nicht so auseinandergehen. Es gibt keinen Grund, weshalb wir nicht weiterhin..."

Ihr Handy klingelte.

Sie angelte es aus ihrer Handtasche. Um diese nächtliche Stunde konnte ein läutendes Telefon nichts Gutes bedeuten. Während sie den Anruf annahm, spürte sie, wie Daniel sie ansah, und sie war sich ihrer eigenen nervösen Reaktion auf seinen Blick vollauf bewusst.

"Dr. Isles", meldete sie sich. Ihre Stimme klang unnatürlich kühl.

"Frohe Weihnachten", sagte Detective Jane Rizzoli. "Wundert mich, dass du um diese Zeit nicht zu Hause bist. Da hab ich's nämlich zuerst versucht."

"Ich bin in die Mitternachtsmesse gegangen."

"Echt? Aber es ist doch schon eins! Ist die Messe denn noch nicht aus?"

"Doch, Jane. Die Messe ist aus, und ich wollte gerade gehen", antwortete Maura in einem Ton, der alle weiteren Fragen unterband. "Was liegt an?", fragte sie, denn ihr war längst klar, dass Jane ihr nicht bloß frohe Weihnachten wünschen wollte, sondern einen dienstlichen Grund für ihren Anruf haben musste.

"Die Adresse ist Prescott Street 210, East Boston. Ein Wohnhaus. Frost und ich sind vor etwa einer halben Stunde hier eingetroffen."

"Einzelheiten?"

"Ein Todesopfer - eine junge Frau."

"Ein Mord?"

"Allerdings."

"Du scheinst dir sehr sicher zu sein."

"Das wirst du verstehen, wenn du erst mal hier bist."

Maura beendete das Gespräch und bemerkte, dass Daniel sie immer noch ansah. Aber der Augenblick für Wagnisse, für Worte, die sie beide vielleicht hinterher bereuen würden, war vorbei. Der Tod war ihnen dazwischengekommen.

"Sie müssen zu einem Einsatz?"

"Ich habe heute Nacht Bereitschaft." Sie verstaute das Handy wieder in ihrer Tasche. "Ich habe hier in der Stadt keine Familie, deswegen habe ich mich freiwillig gemeldet."

"Ausgerechnet in dieser Nacht?"

"Die Tatsache, dass heute Weihnachten ist, macht für mich keinen Unterschied."

Sie knöpfte ihren. Mantelkragen zu und trat aus der Kirche hinaus in die Nacht. Er folgte ihr nach draußen und sah ihr von der Treppe aus nach, als sie durch den Neuschnee zu ihrem Wagen ging. Sein weißes Messgewand flatterte im Wind, und als sie sich umdrehte, sah sie, wie er die Hand hob, um ihr zum Abschied zuzuwinken.

Er winkte immer noch, als sie davonfuhr.

Leseprobe aus
Tess Gerritsen: Blutmale
Aus dem Amerikanischen von Andreas Jäger

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